Es gibt Hundebegegnungen auf Spaziergängen, die mich noch lange beschäftigen.
Nicht, weil ein Hund seltsam reagiert hat.
Nicht, weil eine Situation unruhig wurde oder es zu Spannung kam.
Das gehört zum Alltag mit Hunden dazu.
Was mich beschäftigt, ist das, was danach geschieht.
Wenn ein Hund nicht mehr hört, wenn Spannung entsteht oder wenn eine Begegnung ins Negative kippt, wird schnell versucht, die Situation wieder „richtig“ zu machen. Es wird gerufen, geschimpft, festgehalten und korrigiert. Daran ist nichts falsch, und es ist auch nicht wertend gemeint. Je nach Situation kann es sogar notwendig sein. Kurz: Es hat durchaus seine Berechtigung.
Aber warum muss danach noch eine positive Verknüpfung entstehen?
Und genau da frage ich mich:
Wird der Hund in diesem Moment wirklich noch gesehen?
Oder folgen wir Menschen gerade einer Idee davon, wie die Situation enden sollte?
Eine Begegnung, die mich beschäftigt hat
Vor einiger Zeit erlebte ich eine Situation mit einem fremden Rüden.
Meine beiden Hunde waren frei. Von weitem kam eine Frau mit ihrem Hund an der Leine. Sie rief mir zu, ich könne meine Hunde frei lassen. Ihr Hund sei nur an der Leine, weil er keine Radfahrer möge.
Die Begegnung verlief ruhig. Der fremde Rüde war unkastriert, mein Rüde ebenfalls und zu dem entspannt. Wir gingen aneinander vorbei.
Kurz darauf drehte der andere Rüde um und lief meiner Hündin nach. Er war offensichtlich stark an ihr interessiert und hörte nicht mehr auf seine Halterin.
Ich kenne meinen Rüden. Er ist kein Hund, der Konflikte sucht. Gleichzeitig ist er ein Herdenschutzhund. Wenn eine Situation für ihn unklar oder angespannt wird, nimmt er diese sehr genau wahr. Wenn es ihm zu viel wird, reguliert er die Situation selbst.
Und genau das möchte ich verhindern. Nicht, weil sein Verhalten falsch ist, sondern weil ich Verantwortung übernehme. Also nahm ich ihn ruhig zu mir.
Für mich wäre die Situation damit eigentlich beendet gewesen:
Abstand schaffen.
Ruhig weitergehen.
Spannung herausnehmen.
Die Halterin lief weiter, in der Hoffnung, ihr Rüde würde ihr folgen. Doch dieser war anders orientiert. Als sie bemerkte, dass ihr Hund ihr nicht folgte, lief sie uns nach und wies mich an, meinen Rüden wieder frei zu lassen. Sie übernehme die Verantwortung.
Da die Halterin bereits hektisch war, behielt ich meinen Rüden bei mir.
Die Halterin schimpfte mit ihrem Hund und band ihn an. Danach bat sie mich, stehen zu bleiben. Ihr Hund solle nun noch eine positive Verknüpfung bekommen.
Ich verstehe den Gedanken dahinter. Natürlich ist es grundsätzlich sinnvoll, dass Hunde gute Erfahrungen machen.
Aber genau hier wird es aus meiner Sicht wichtig, wirklich hinzusehen.
Eine positive Erfahrung darf nicht aus menschlicher Sicht über den Hund gestülpt werden.
Was ist denn für den Hund wirklich positiv?
In dieser Situation war der fremde Rüde stark hormonell orientiert. Er hatte kaum noch Ohren für seine Halterin und war innerlich ganz bei meiner Hündin.
Für meine Hunde wäre in diesem Fall die positive Erfahrung gewesen:
Die Situation verlassen.
Abstand bekommen.
Zur Ruhe kommen.
Weitergehen dürfen.
Nicht: die Situation künstlich verlängern.
Auch für den anderen Rüden wäre es aus meiner Sicht hilfreicher gewesen, nicht noch länger in diesem Spannungsfeld bleiben zu müssen. Er musste nicht sehen, wie „lieb“ meine Hunde sind. Er brauchte vermutlich ebenfalls Abstand, Ruhe und eine klare Unterbrechung.
Denn ein Hund kann in einem solchen Zustand oft nicht mehr lernen.
Wenn Stress, Hormone, Erregung oder Unsicherheit im Vordergrund stehen, ist eine Hundebegegnung nicht automatisch eine gute Lernerfahrung.
Manchmal ist nicht Kontakt die positive Erfahrung, sondern Abstand.
Warum ich darüber schreibe
Diese Begegnung hat mich nachdenklich gemacht, weil ich immer öfter erlebe, dass Methoden angewendet werden, ohne den einzelnen Hund und die ganze Situation wirklich zu sehen.
Dabei reicht es nicht, nur das sichtbare Verhalten zu betrachten.
Wir müssen fragen:
Was fühlt der Hund?
Was hat die Spannung ausgelöst?
Welche Rolle spielen Abstand, Geruch, Hormone, Vorgeschichte oder die Haltung der Menschen?
Was zeigt seine Körpersprache?
Kann der Hund gerade überhaupt lernen?
Oder ist er innerlich längst in Stress, Verteidigung, Unsicherheit oder Überforderung?
Methoden können hilfreich sein.
Aber sie dürfen nie wichtiger werden als der Hund selbst.
Mein Fazit
Für mich bedeutet gute Begleitung nicht, jede Situation künstlich positiv zu machen.
Gute Begleitung bedeutet, den Hund wirklich wahrzunehmen.
Manchmal ist Kontakt hilfreich.
Manchmal ist Abstand heilsamer.
Manchmal braucht ein Hund auch keine weitere Übung.
Sondern jemanden, der erkennt:
Jetzt ist es genug!
Eine gute Erfahrung beginnt nicht immer dort, wo wir eine Situation positiv machen, sondern dort, wo wir sie rechtzeitig beenden.